„Wir haben keine Konkurrenz, wir haben befreundete Betriebe“

 

Thomas Posenanski muss sich um die Konkurrenz keine Sorgen machen. Sein Handwerk ist vom Aussterben bedroht. Der Inhaber der gleichnamigen Ledermanufaktur ist einer der Letzten seiner Art in Österreich.

Eine knarrende Holztreppe führt hinunter in die Werkstatt im Souterrain. Dabei steigt der Geruch von Leder in die Nase und lenkt den Blick dorthin, wo eifrig gehämmert, geschnitten, geschliffen, gestanzt, geprägt und gestickt wird. Im Hintergrund rattern leise Nähmaschinen. Hier befindet sich eine der letzten Manufakturen Österreichs, in der Lederwaren nach Kundenwunsch noch von Hand gefertigt werden: von Taschen und Lederjacken über Lederaccessoires bis hin zur Restauration von Oldtimern oder der originalgetreuen Anfertigung historischer Duplikate für Museen, Filmproduktionen und Sammler.

© Business-Portrait | Ledermanufaktur Posenanski | Logo mit Team

Werkstatt im Kinderzimmer

Begonnen hat alles im zarten Alter von zehn Jahren, als Thomas Posenanski sein Kinderzimmer in eine Werkstatt umwandelte. Damals entfachte seine Leidenschaft für Leder. Deswegen wollte der junge Wiener auch Sattler und Taschner werden. Doch sein Vater riet ihm, lieber „was G’scheites“ zu lernen. So absolviert er eine Ausbildung für Maschinenbau und arbeitet zunächst als Techniker. Während seiner Schulzeit verbringt der HTL-Schüler seine Sommerferien in England bei einem befreundeten Schuhmacher. Dort lernt er das Lederhandwerk von der Pike auf. Dazwischen entwickelt er seine handwerklichen Fähigkeiten autodidaktisch aus alten Büchern und am Objekt der Begierde weiter. Als er Jahre später durch Zufall das Altwarenlager im Stuwerviertel mitten in der Leopoldstadt entdeckt, fällt die Entscheidung leicht: Er wagt den Schritt in die Selbständigkeit. In unzähligen Nachtschichten renoviert der damals 28-Jährige das heruntergekommene Kellerlokal von Grund auf. Knapp vier Monate danach, im Februar 2000, öffnet die Ledermanufaktur Posenanski im zweiten Wiener Gemeindebezirk ihre Pforten.

Probleme mit dem Nachwuchs

In seiner Werkstatt übt der Leopoldstädter mehrere Gewerbe aus. Doch für alle gilt: sie sind vom Aussterben bedroht. So wird es immer schwieriger Sattler, Taschner, Schuhmacher, Galanteristen oder Tapezierer als Arbeitskräfte zu gewinnen. Seine Angestellten finden vor allem durch persönliche Empfehlung hierher oder kommen direkt von der Wiener Fachschule für Lederdesign; selten auch mal vom Arbeitsmarktservice. Lehrlinge bildete der Quereinsteiger bis vor kurzem aus Zeitgründen nicht aus. Umso mehr freut sich Thomas Posenanski über sein Lehrmädchen, das seit Herbst 2016 das Taschner- und Sattler-Handwerk an seiner Seite erlernt.

„Geschichte hat mich schon immer interessiert und so konnte ich mein Hobby zum Beruf machen.“

Kein Wunsch bleibt offen

In den ersten Jahren wurden in der Ledermanufaktur nahezu nur historische Lederwaren – vom Mittelalter bis zur Neuzeit – hergestellt. „Geschichte hat mich schon immer interessiert und so konnte ich mein Hobby zum Beruf machen“, erinnert sich der passionierte Handwerker zurück an die Anfänge. Die Produkte fertigte er überwiegend nach Originalplänen des Heeresgeschichtlichen Museums an. Mit Maschinen, Materialien und Techniken wie anno dazumal, beauftragt von Museen, Filmproduktionen und Sammlern. Mit der Zeit wurden aber statt historischer Duplikate immer öfter Reparaturen von Lederwaren nachgefragt.
Dies verwunderte den Lederexperten zunächst. Entwickelte die Konsumgesellschaft doch in den letzten beiden Jahrzehnten eine wahre Wegwerf-Mentalität. Viele Kunden greifen lieber zu preisgünstigen Lederwaren bzw. Lederimitaten, hergestellt in Fernost. Sobald diese erste Verschleißerscheinungen zeigen, werden sie entsorgt statt repariert. Doch Thomas Posenanski gelingt es, sich gegen diesen Trend zu behaupten. In seiner Werkstatt werden Taschen, Lederjacken und Schuhe nicht nur hergestellt, sondern immer öfter auch repariert; oder Flecken, Kratzspuren und Farbrisse aus Ledermöbeln beseitigt. Fahrzeuge mit Lederausstattung gereinigt, intensiv gepflegt oder mit frischer Farbe aufbereitet und Oldtimer wie Rolls Royce und Bentley originalgetreu restauriert.

 

Anders als alle anderen

Auf die Frage nach der Konkurrenz schmunzelt der Geschäftsmann: „Wir haben keine Konkurrenz, wir haben befreundete Betriebe. Bei Bedarf helfen wir uns alle gegenseitig.“ Das liegt wohl daran, dass sich seine Mitbewerber auf einzelne Produktgruppen spezialisiert haben. In der Ledermanufaktur Posenanski erhalten Kunden hingegen die gesamte Bandbreite an Lederwaren: egal ob Portemonnaies, Aktentaschen, Schutzhüllen für Smartphone oder Tablet, Halsbänder und Leinen für Hunde, erotische Lederaccessoires wie Handschellen oder Peitschen, Maßschuhe sowie Sonderanfertigungen für Fahrzeuge. Hier wird alles von Hand nach Wunsch des Kunden individuell gefertigt. Abgerundet wird das Angebot der Lederwerkstätte mit dem Verkauf hochwertiger Pflegeprodukte. Denn regelmäßige Pflege ist das A und O, um möglichst lange Freude an seinem Leder-Unikat zu haben.

Produziert wird zur Gänze in Wien – und nicht im Ausland, wie in der Branche aus Kostengründen oft üblich. Doch das ist nicht das Einzige, worin sich die Werkstatt des Wiener Lederfachmanns von anderen am Markt unterscheidet: Hier befindet sich Wiens einzige Färberei, in der Leder in jeder beliebigen Farbe aufgefrischt oder gefärbt wird. Ebenso wie die größte Lederspaltanlage, die Lederhäute millimetergenau in hauchdünne Schichten spaltet. Für größere Auftragsarbeiten steht ein acht Tonnen schwerer Lederzuschnitt-Automat bereit. Damit können Lederteile nach Vorlage rasch und exakt für die weitere Verarbeitung zugeschnitten werden.
Im Maschinenfuhrpark weiters vorhanden: Ausputzmaschinen zum Schleifen und Polieren, Prägemaschinen für die Anbringung von Logos, Stanzanlagen und Nietmaschinen, Kantenschneide- und Sohlenpressmaschinen sowie ein Dutzend Nähmaschinen für verschiedenste Arbeitsschritte. Zur Sicherheit gibt es viele der Maschinen in doppelter Ausführung, damit bei einem technischen Defekt nicht der Betrieb steht. So ausgestattet übernimmt die Ledermanufaktur Posenanski regelmäßig auch Lohnarbeiten für andere Unternehmen.

„Wer zufrieden ist, weiß, woher er das Produkt hat. Deswegen haben unsere Produkte auch kein Firmenlogo.“

Erfahrung hat einen Namen

Werbung braucht der international gefragte Lederexperte für sein Unternehmen kaum zu machen, die meisten Kunden gewinnt er über Mundpropaganda. „Wer zufrieden ist, weiß, woher er das Produkt hat. Deswegen haben unsere Produkte auch kein Firmenlogo“, erzählt der Ledermanufaktur-Inhaber mit Stolz.
Seine Kunden kommen aus halb Europa, den Vereinigten Staaten und den Arabischen Emiraten. Viele davon haben bereits andernorts vergeblich nach Werkstätten gesucht, die sich auf die Weiterverarbeitung exotischer Tierhäuten von Elefant, Nashorn, Krokodil, Python, Rochen, Karpfen, Muräne oder Strauß verstehen. Diese Lederarten erfordern besonderes fachmännisches Geschick. Entweder weil sie weniger strapazierfähig als heimische Lederhäute sind oder jeder Zentimeter unnötiger Verschnitt die Produktionskosten von Spezialanfertigungen schmerzlich erhöht.
Den Rohstoff für seine Produkte bezieht Thomas Posenanski aus aller Welt. Heimische Lederarten wie von Schwein, Kalb, Rind oder Lamm kommen ausschließlich von europäischen Gerbereien, die der Lederexperte sorgfältig ausgewählt hat. Für exotische Tierhäute muss der Nachweis erbracht werden, dass sie aus einer Zucht und nicht aus einem Naturfang stammen. Elefanten- und Nashornhäute stammen von Großwildjägern aus afrikanischen Reservaten. Sie werden legal nach Österreich importiert und hier gegerbt, bevor ihr Leder zur Weiterverarbeitung auf der Werkbank in der Wiener Ledermanufaktur landet.

 

Was die Zukunft bringt

Trotz des Erfolgs steht der Wiener sieben Tage pro Woche in seiner Werkstatt. Meist lange bevor seine sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihren Dienst antreten. Dabei sind 14-Stunden-Arbeitstage für den tüchtigen Unternehmer, der jeden Tag um 4 Uhr früh aufsteht, keine Seltenheit. Nur am Sonntag macht er mittags Schluss, denn diese Zeit gehört ganz und gar seiner Familie.
Was sich Ledermanufaktur-Chef Thomas Posenanski von der Zukunft erhofft? „Immer genug verdienen, damit meine Mitarbeiter auch morgen noch einen sicheren Arbeitsplatz haben, der ihnen genauso viel Freude wie mir macht“, sagt der Lederliebhaber bescheiden. Und eines noch: „Dass meine Tochter Alena irgendwann einmal in meine Fußstapfen tritt und weiterführt, was ich aufgebaut habe. Damit mein Handwerk nicht eines Tages ausstirbt.“

Steckbrief:

Ledermanufaktur Posenanski

Gründungsjahr: 2000
Gründer und Geschäftsführer: Thomas Posenanski
Strategie: Produktion und Wertschöpfung in Wien / Österreich
Philosophie: Qualität als Garant für zufriedene Kunden
Kunden: Europa, Arabische Emirate, Vereinigte Staaten
Auszeichnungen: Betrieb der Meisterstraße Austria
Produkte: Herstellung von Lederwaren wie z.B. Taschen, Gürtel, Lederaccessoires, Maßschuhe, Ausstattung für Fahrzeuge, Leder-Duplikatsanfertigungen aus historischen Epochen, erotische Lederwaren, Hunde- und Reitsportartikel und vieles mehr
Dienstleistungen: Reparatur von Lederwaren, Färbe- und Restaurierungsarbeiten, Prototypenbau von Spezialanfertigungen, Großhändler von hochwertigen Lederpflege- und Reparaturprodukten inklusive Beratung und Einschulung
Besonderheiten: einzige Färberei und größte Spaltanlage für Leder in Wien sowie einer von zwei Automaten für Lederzuschnitte in ganz Österreich
Sprachen: Deutsch, Englisch, Russisch, Slowakisch, Türkisch, Tschechisch und Polnisch
Website: ledermanufaktur.com